Weisheit des Baumes

10.August 2013
Mein Urlaub in diesem herrlichen Sommer 2013 führte mich  in Kilometern gemessen, nicht sonderlich weit weg von unserem Wohnort Eschbach im Hintertaunus. Allerdings reichte unser Ziel weit zurück in der Geschichte.
Den “ältesten Baum Deutschlands” wollten wir besuchen und kennenlernen.
Wir, das sind seit vier Jahren mein vierbeiniger Gepäckträger Boromir und ich.
Vier Wochen Urlaub hatten Familie und Dienststelle mir gegeben, ausreichend Zeit, um das Ziel ganz zu Fuß zu erreichen.
Nach zwei Wochen kamen wir in Schenklengsfeld nördlich von Fulda an.
Wir näherten uns ehrfürchtig der riesigen Sommerlinde.
Ein einfacher Stein verkündet : Gepflanzt 760.
Gegenüber im Gasthaus “Zur Linde” holte ich mir ein kühles Bier und ließ mich im Schatten des Baumes nieder. Der Sommerwind bewegte die Blätter, und zwischen dem Rauschen sprach die Linde plötzlich leise zu mir:
“Schön daß Du jetzt in meinem Schatten angekommen bist. Ich habe schon auf Dich gewartet.“
„So,“ entgegnete ich verwundert. „Du wußtest, dass ich dich besuchen komme?“
„Ja, natürlich, die Vögel aus dem Kellerwald waren schon vor Tagen hier und berichteten mir von dir und deinem Weggefährten. Gut daß ihr zu fuß geht.

Linde2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Denn das ist einer der großen Fehler von euch Menschen, ihr seid immer in Eile.
Na ja, vielleicht liegt es daran, dass Euer Leben so kurz ist.
Ihr versucht in eurer kurzen Lebenszeit die ganze Welt zu erfassen.
Um so tragischer ist es, dass ihr immer schneller durch die Welt hastet.
So lauft ihr am Wesentlichen vorbei. Wie oft versuche ich mit einem Menschen zu sprechen, aber er hört mich nicht, er ist in Gedanken schon beim nächsten Ziel, kaum daß er hier aus seinem Auto gestiegen ist“.
“Ich brauche jetzt nach drei Stunden Wanderung ein lange Pause und höre Dir gerne zu“, entgegnete ich.
“Deine Lebenserfahrung ist gewaltig im Vergleich zu einem Menschenleben.
Sag mir, was machen wir Menschen noch falsch in unserem kurzen Leben?“
„Ihr Menschen lebt nicht in Einklang mit dem Ganzen, ihr lebt oft gegen den Rhythmus des Lebens.
So verliert ihr Harmonie und Lebensfreude“.
„Nenne mir ein Beispiel“, sagte ich zur Linde.
“Nun, im Winter zum Beispiel, da esst ihr Erdbeeren und im Sommer habt ihr Eis in eurem Trinkbecker.
Das ist genau umgekehrt wie in der Natur“. Mit Eurer Technik macht ihr die Nacht hell wie den Tag und dann wundert ihr euch, wenn ihr tagsüber müde seid, aber in der Nacht nicht schlafen könnt.
Ihr müsst wieder auf den Rhythmus der Schöpfung achten und euch wieder einfügen in den Takt des Ganzen.“
Nachdenklich saß ich im Schatten:
“Ja, wie recht du hast weiser Baum, eigentlich ist es ganz einfach”.
Der Baum schwieg, aber aus seiner Krone erklang tausendfaches Summen.
Die Bienen durchsummten den riesigen Baum sanft, aber intensiv.
Den letzten Schluck Bier ließ ich die Kehle hinunter rinnen und stand auf.
„Moment“, sprach die Linde. „Lerne von den Bienen. Ich gebe ihnen Nektar und Blütenstaub, sie befruchten meine Blüten und schenken mir tausendfachen Samen. Das Leben ist Geben und Nehmen. Ihr Menschen aber nehmt oft im Übermaß und vergesst das Geben. So stört ihr das Leben und verwüstet das, was von Anfang der Schöpfung an gut und schön war“.
Dankbar lehnte ich mich noch einmal mit dem Rücken an den uralten Baum.
Seine Kraft war groß, aber wohltuend für mich. Meine Hände spürten durch die raue Rinde den Pulsschlag des Lebens.

Danke Lindenbaum.

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3 Antworten zu Weisheit des Baumes

  1. Norbert Baron schreibt:

    Hallo Prediger, immer wieder lese ich mit Freude diese Geschichte vom Lindenbaum. Wie geht es Dir und wie ist es Euch in den Bergen ergangen?
    Liebe Grüße Norbert Wolff Baron

    • Hans und Boromir schreibt:

      Lieber Norbert,
      zur Zeit schreibe ich an meiner letzten Heiligabend-Predigt.
      Das Thema ist ähnlich.
      Werde mich auf der Kanzel mit dem Weihnachtsbaum unterhalten.
      Wenn Du und andere Interesse habt maile ich Euch den Entwurf zu Weihnachten gerne zu. Hans Bühler

      • Norbert Baron schreibt:

        Lieber Hans,
        da unser komerzielles Weihnachten für mich nichts bereit hält, würde ich mich außergewöhnlich über Deine letzte Heiligabendpredigt freuen.
        Gruß aus Rottenburg Norbert Wolff Baron

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